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Birthstory:

Ich habe zwei Geburten erlebt. Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können.

Birthstories - Geburtsgeschichten

Geburtsgeschichten sind so vielfältig und spannend, wie das Leben selbst. Als Erfahrungspool für Eltern, zum Nachlesen für Forschende und als innovative Fortbildung von Fachpersonen sammeln wir Eure "Birthstories". Dazu gehört auch, was an den vielen Cafétischen quer durch Europa erzählt wurde .

Zum Nachlesen und Weiterdenken

Ich habe zwei Geburten erlebt. Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können.

Liebe Mütter, wie erzählt man von einer Geburt?
Alle Geschichten sind Geschichten. Erlebtes ist Erinnerung. Selektiv. Was möchte ich zeigen? Was lasse ich aus? Ich möchte eine Geschichte erzählen, die Mut macht. Meine Geschichte. Ich habe zwei Geburten erlebt. Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können.

 

Meine erste Geburt war im Großen und Ganzen schrecklich. Ich dachte ich bräuchte keine großartige Vorbereitung. Ich dachte mein Körper kann das schon. Dann bekam die Frauenärztin Panik, weil mein Kind am ET auf 4,5 kg geschätzt wurde. Ich musste ins Krankenhaus. Dann lief es etwa so ab: Geburtseinleitung, Wehensturm, PDA, Wehentropf, PDA, Wehentropf, PDA, Wehentropf… (immer im Wechsel, keine Ahnung wie oft), Geburtsstillstand, Kaiserschnitt. Der Kaiserschnitt war eigentlich gar nicht weiter schlimm. Was mir aber nachhaltig zu schaffen machte war, dass ich mich in dem Moment meines Lebens, in dem ich mehr als je zuvor einer Situation ausgeliefert war - während des Wehensturms - keine Hilfe und Unterstützung bekommen hatte, um mein Kind aus eigenen Kräften auf die Welt zu bringen. Niemand hat mir gut zugeredet und an mich geglaubt. Ich habe in dem Moment der Überforderung auch das Vertrauen in meinen Körper verloren.

Als ich das zweite Mal schwanger wurde, war mir sofort klar, dass ich entweder einen geplanten Kaiserschnitt machen würde oder in Begleitung einer Person gebären, der ich vertraue. Eine Beleggeburt erschien mir der beste Weg meinen Wunsch umzusetzen. Im Gegensatz zur ersten Schwangerschaft setzte ich mich jetzt viel mit Geburt auseinander. Durch die Vorsorge bei den Hebammen hatte ich ein anderes Gefühl für meinen Körper und das heranwachsende Leben in mir. Ich konnte fühlen, wie mein Kind lag und wann es Schluckauf hatte. Durch den Hypnosekurs lernte ich meinen Atem bewusst zu lenken und der intuitiven Anspannung bei Schmerz, Entspannung des Unterkiefers entgegenzusetzen. Ich lernte, dass Adrenalin eher geburtshemmend ist. Ich hörte zum ersten Mal, dass in dem Moment der Geburt das Liebeshormon Oxytocin (was auch beim Sex nicht fehlen darf) seinen absoluten Höchststand erreicht. Das heißt, dass das Umfeld für eine gute Geburt ein Wohlfühlambiente sein sollte. Ein Ort an dem man auch gerne Liebe machen würde. Wer macht das schon gerne im kalten Krankenhaus, angeschlossen an Maschinen, unter den besorgten Blicken von Hebammen und Ärzten? Ich überlegte welche Musik, welche Gerüche mich unterstützen könnten, einen sinnlichen Moment während der Geburt zu schaffen. Ich verinnerlichte das Mantra "Ich vertraue mir und meinem Körper". Aber am meisten hoffte ich einfach Glück zu haben.

Zunächst schien mir das Schicksal nicht gewogen zu sein. Dieses Mal wurden die Ärzte sogar schon weit vor der 40. Woche unruhig. Mir wurde eine Einleitung empfohlen - möglichst vor Geburtstermin. Mein Kind war wieder zu groß. Aber diesmal war ich nicht allein mit dem Stress - ich hatte zwei erfahrene Hebammen an meiner Seite, die mich beruhigten und mir immer wieder Mut zusprachen. In dieser Zeit begann ich das erste Mal darüber nachzudenken eine Hausgeburt zu machen. Einfach an einem Ort gebären an dem keine Ärzt*innen sind die mich verunsichern und alte Traumata wecken. Es war für mich ein wilder Gedanke. Noch Wochen zuvor wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen. Zu unsicher. Was wenn etwas schiefläuft?
Was mich beruhigte war die jahrzehntelange Erfahrung der Hebammen die mit ihren Erlebnissen und ihrer Selbstsicherheit die Horrorstories von verblutenden Müttern und Babies verblassen lassen konnten, mit denen mich Ärzt*innen bisher gefüttert hatten. Ich war aber immer noch unentschlossen und bereitete mich auf beides vor. Ich hoffte innigst, dass das Baby vor dem ET kommen würde. Bevor ich mich nochmal dem Blick einer besorgten Frauenärztin aussetzen musste. Bevor mein Baby nochmal vermessen wurde. Ich hatte riesiges Glück. Mein Körper schien meinen Wunsch gehört zu haben.

In der Nacht vor dem ET begannen um drei Uhr morgens die Wehen. Zunächst war ich unsicher, ob das tatsächlich Geburtswehen waren. Ich veratmete sie im Bett liegend. Als sie stärker wurden zog ich aufs Sofa um, wo ich sie hockend besser veratmen konnte. Gegen sieben Uhr morgens beschloss ich, dass das jetzt wohl wirklich Geburt war, sagte alle meine Termine für den Tag ab und weckte meinen Partner. Er maß die Wehenabstände. Um halb neun morgens riefen wir die Hebamme an. Sie kam gemeinsam mit einer weiteren Hebamme. Die beiden waren immer um mich herum. Sie legten mir ihre warmen Hände aufs Kreuzbein. Wenn die Wehen kamen, pressten sie meine Hüfte zusammen. Unterstützen mich immer die Positionen zu finden, in denen die Wehen meinen Körper durchlaufen konnten, ohne dass sie mich überforderten und ohne, dass ich große Schmerzen fühlte. Durch ihr Beisein konnte ich einfach nur in meinem Körper sein und ihn arbeiten lassen. Ich atmete. Alles, was ich mir vorher vorgestellt hatte, was ich brauchen würde, Musik, Gerüche, Bilder von schönen Orten waren auf einmal unwichtig. Da war nur mein Körper, der Atem, der gegenwärtige Augenblick sowie die warmen Hände und das tiefe Vertrauen der drei Menschen, die mich begleiteten.

Der Muttermund war zu meiner großen Überraschung schnell geöffnet. Allerdings war es da noch nicht vorbei. "Das ist jetzt Millimeterarbeit" meinte die Hebamme, als die Wehen kamen, die mein Kind durch den Geburtskanal schoben. Millimeter für Millimeter. Wehe für Wehe. Ich saß auf dem Geburtshocker. Dann irgendwann in der Hocke vor dem Bett, abwechselnd in den Armen einer Hebamme oder meines Partners. Die Wehen waren jetzt heftig. Aber auch berauschend. Solange ich in nur bei meinem Körper und dem Atem blieb, war alles gut. Nur wenn die Wehe mich in einer unpassenden Position (beispielsweise auf der Toilette) überrollte, fühlte ich Schmerzen. Wenn ich anfing zu denken, ob das normal war, dass es so lange dauerte, ob es wirklich voranging, verspürte ich Unsicherheit. Aber die Hebammen waren die ganze Zeit da und strahlten Ruhe aus. Ruhe und Vertrauen in den Prozess. Das half mir auch zu vertrauen.

Es war schon früher Nachmittag als plötzlich ein schwarzer Haarschopf sichtbar wurde. Die Hebamme holte einen Spiegel und zeigte mir den Kopf meines Kindes, der durch meine Vulva sichtbar wurde. Ein paar Wehen später kam meine Tochter dann auf einmal ganz schnell aus mir heraus gepurzelt in einer einzigen Welle. Da lag sie glitschig, nass und blutig. Nach einem Moment der Stille bewegte sie ihr Köpfchen und weinte. Die Hebamme trocknete sie ab und legte sie auf meine Brust. Nachdem die Plazenta gekommen war, konnten wir uns ins Bett legen, was direkt hinter uns war. Keinen Meter entfernt. Gemeinsam in den vertrauten vier Wänden, eingekuschelt in die Decke, Haut an Haut in völliger Ruhe und Geborgenheit die magischen ersten Momente gemeinsam erleben. Das zerknitterte Gesicht streicheln, die feuchten schwarzen Haare, die blinzelnden Augen, die sich noch nicht ans Licht gewöhnt hatten, die kleinen Arme und Beine, die sich noch unkontrolliert in der neuen Freiheit bewegten.

Meine Tochter wog bei ihrer Geburt 4700 Gramm. Ich war sehr erleichtert das Gewicht erst zu erfahren, als ich sie bereits in den Armen hielt. Manchmal kann Nichtwissen auch ein Segen sein. Um diese Geburt möglich zu machen war es das. Ich wünsche allen Frauen, dass sie einmal in ihrem Leben eine Geburt als ein Moment weiblicher Urkraft und Stärke erleben dürfen, wie es für mich diese zweite Geburt war. Es war ein Moment in dem mein Körper Kräfte entwickelt hat, von denen ich nie geahnt hatte, dass er sie hat, und ich (vollgepumpt mit körpereigenen Glückshormonen) jenseits von Zeit, Hungergefühl und Gedanken das Wunder der Geburt meiner Tochter erleben durfte. Es war transformativ. Es hatte etwas von einem spirituellen Einweihungsmoment… und es hat definitiv alte Wunden geheilt, die die erste Geburt hinterlassen hatte.

Ich bin unglaublich dankbar um diese Erfahrung. Vielleicht kann meine Geschichte einen Beitrag dazu leisten, dass auch andere Frauen den Mut fassen eine selbstbestimmte Geburt anzustreben. Egal wo, egal wie, aber mit Vertrauen in den eigenen Körper. S.